24. Dezember 2008

Landschildkröten endlich richtig ernähren!





Vor einiger Zeit sah eine Bekannte wie ich meine Schildkröte im Garten „weiden“ ließ. „Ach“, meinte sie, „früher habe ich auch eine Schildkröte gehabt. Schildkröten sind ja so genügsam und anspruchslos, sie machen gar keine Arbeit.“ Vor ungefähr 50 Jahren hätte ich ihr sicher zugestimmt, denn schon damals erhielt ich meine erste Schildkröte. Es war die Zeit, als die Zoogeschäfte wannenweise kleine Schildkröten aus Griechenland oder Jugoslawien anboten, das Stück manchmal nur für fünfzig Pfennige.
Im Garten kamen sie in ein kleines Freigehege und gefüttert wurden sie mit allem, was der Garten und die Küche boten: vor allem Salat, Erdbeeren, Kirschen, gekochte Kartoffeln, Gurken, Tomaten und eingeweichtes Brot oder Zwieback. Liest man alte Bücher über Schildkröten, werden dort sogar Katzenfutter, Hackfleisch, gekochte Eier und gekochter Reis empfohlen. Und richtig, die Schildkröten nahmen dieses alles sehr gerne, so wie wir Sahnetorte und Schokolade auch gerne nehmen. Aber es war der Anfang von ihrem Ende, denn sie brauchen ausschließlich kalorienarmes Futter.
Sie wurden zu fett, der Panzer wurde anormal höckrig, sie bekamen eine Fettleber und litten unter schmerzhafter Gicht. Und keiner merkte das, denn Schildkröten sind stumm, haben keine Mimik und können ihre Schmerzen deshalb nicht zeigen. Auch die Tierärzte kannten sich kaum aus, weil wegen eines Billigtieres niemand zum Doktor ging. Eine neue war billiger. Fachliteratur gab es nicht, auch kein Internet, in dem man sich informieren konnte. Und so wurde die Schildkröte immer ruhiger, weil jede Bewegung schmerzte, war eines Tages tot oder wachte aus ihrem Winterschlaf nicht mehr auf. Auf diese Weise wurden viele Millionen Schildkröten umgebracht.


Hannibal, meine Vierzehenschildkröte verzehrt gerade Blätter der Knoblauchrauke. Er hat sich dank halbwegs artgerechter Ernährung sehr gut entwickelt und ist putzmunter. Ich fand sie vor zehn Jahren als halbtotes Jungtier auf der Straße.

Zum Glück trat 1976 das Washingtoner Artenschutzübereinkommen in Kraft, das weltweit den Schutz von bedrohten Tieren und Pflanzen regelt, auch das der Landschildkrötenarten, die alle als besonders schützenswerte Tierarten eingestuft wurden. Wer eine Landschildkröte hält oder in Verkehr bringt, muss die rechtmäßige Herkunft des Tieres nachweisen. Die Haltung muss der Unteren Naturschutzbehörde gemeldet werden. Diese ist für uns im Landratsamt.
Damit hat sich das Elend der Landschildkröten gebessert. Sie dürfen nur noch vom Züchter abgegeben und nicht mehr von der Urlaubsreise mitgebracht werden (z.B. drei Tage lang im Auto vom Mittelmeer nach Deutschland, meist auf dem Rücken liegend). Und da sie viele Euros teuer sind, macht man sich mehr Gedanken um ihr Wohlergehen. Die artgerechte Haltung ist zwar gesetzlich verankert, aber wer kann das schon nachprüfen!

Folgendes muss jeder bedenken, bevor er sich eine Landschildkröte zulegt:
  1. Da eine artgerechte Haltung fast nicht möglich ist, verzichtet er auf die Anschaffung eine Schildkröte.
  2. Eine Schildkröte ist kein Haustier und braucht ein großes Freigelände. Ihr natürlicher Lebensraum ist viele Hektar groß.
  3. Eine Schildkröte ist kein Spielzeug oder gar Schmusetier, sie sieht nur so aus. Auch deshalb ist sie keine Lösung, wenn ein Kind unter einer Tierhaarallergie leidet und dennoch ein Tier haben will oder aus pädagogischen Gründen bekommen soll.
  4. Die Haltung einer Schildkröte ist aufwendig, teuer und braucht viel Zeit. Es muß ein artgerechtes Freigehege her und der Überwinterungsplatz ist am sichersten in einem Kühlschrank, extra für die Schildkröte.
  5. Und besonders wichtig: Schildkröten werden über 100 Jahre alt. Wer eine anschafft, muss also schon wissen, wer seine Schildkröte pflegt, wenn er selbst schon gestorben ist.
Was aber tun, wenn man schon eine Schildkröte hat? Dann muss man sie richtig halten und ernähren. Grundsätzlich scheint das einfach zu sein: Man muss ihnen möglichst das bieten, was sie in ihrer natürlichen Heimat auch haben, also ein Klima wie in den Mittelmeerländern für Griechische Landschildkröten oder für die Steppenschildkröte das Steppenklima, das vom Kaspischen Meer bis Westchina reicht und im Süden im Iran, Afghanistan und Pakistan herrscht. Das geht nur mit zusätzlicher Technik, etwa mit Neodymstrahler, die per Zeitschaltuhr bei Bedarf zugeschaltet werden.
In ihrer Heimat leben Schildkröten von den Pflanzen, die auf kargen Böden gedeihen und daher nährstoffarm, aber reich an Mineralien, Ballaststoffen und Rohfasern sind. Die Pflanzen, die auf unseren fetten, überdüngten Böden wachsen, sind das genaue Gegenteil. Im Frühjahr sind die Pflanzen frisch und grün, es gibt viele Blüten. Im Sommer vertrocknet alles und wird zu Heu. Gegen Herbst zu, wenn es wieder regnet, gibt es wieder Grünfutter. Oft sind die Lebensbedingungen im Sommer so unwirtlich, dass die Schildkröten schon ab Juli eine Sommerruhe von ein bis zwei Monaten einschieben. Der Instinkt der Schildkröte ist auf diese Ernährung eingestellt. Das heißt, sie muss in der freien Natur sehr viel fressen, um eine ausgewogene und ausreichende Nahrung zu bekommen. Wenn wir ihr in Gefangenschaft dann regelrechte Kalorienbomben anbieten, mit viel Eiweiß, Fett und auch Zucker, dann führt das unweigerlich zur Verfettung, Krankheit und vorzeitigem Tod.
Womit sollen wir unsere Schildkröten füttern? Die Schildkröte ist ein Weidegänger und sucht sich ihr Futter am liebsten Blättchen für Blättchen selbst zusammen. Sie besiedelt in freier Natur enorm große Reviere (eine männliche Steppenschildkröte 10 Hektar, eine weibliche bis zu 30 Hektar). Sie sind deshalb sehr glücklich, wenn sie die Möglichkeit bekommen, jeden Tag frei im Garten herum zu laufen und ihr Futter selbst zu suchen. Da das kaum ein Halter bieten kann, ist es auf jeden Fall erforderlich, dass in ihrem großzügigen Freigehege Futterpflanzen wachsen und dass außerdem noch zugefüttert wird.
Meine Schildkröte „Hannibal“ z.B. stößt sich richtig mit den Hinterbeinen ab, wenn sie mich kommen sieht, läuft auf mich zu, richtet sich auf den Vorderbeinen auf und will hinaus in den Garten. Sie ist sehr wählerisch und lässt sich nicht einfach vor einen Löwenzahn setzen und frisst ihn auf. Sie geht von Pflänzchen zu Pflänzchen, frisst hier ein Blättchen, nimmt dort eine Blüte. Die großen Löwenzahnpflanzen sind, da sie hauptsächlich auf stark gedüngtem Boden wachsen, auch sehr nährstoffreich. Besser ist, wenn man Pflanzen anbieten kann, die zum Beispiel zwischen Pflastersteinen wachsen und kalorien- und eiweißärmer sind. Geeignet sind alle Wildkräuter, die auch Unkräuter genannt werden. Besonders beliebt sind Knoblauchrauke (man erkennt sie am Knoblauchgeruch, wenn man die Blätter zwischen den Fingern reibt), Giersch, Hahnenfuß, Wegerich, Klee- besonders die Blüten, Vogelmiere, Kresse, Schnittlauch mit Blüten; auf Klatschmohn sind sie ganz wild und auf frische Gänsedistel (Sonchus) mit ihrem weißen Milchsaft. Gelegentlich werden auch Blätter von Akelei, Azaleen, Rosen und abgefallene Blütenblätter von Apfelbäumen und Pfingstrosen und kleine Knochenstückchen oder Schneckenhäuschen genommen.
Wenn die Schildkröte mit Kopfsalat, Gurken, Tomaten und Obst großgezogen wurde, kann die Umstellung auf Wildkräuter schwierig sein. Aber die Geduld lohnt sich. Bereits der erste Sommer mit artgerechter Ernährung führt dazu, dass die Schildkröte wesentlich munterer in ihrem Freigehege oder im Garten herumspaziert.


Hannibal verzehrt gerade Blätter der Gänsedistel (Sonchus)

Wer seine Schildkröte außerhalb ihres Freigeheges laufen läßt, sollte sie ständig im Auge behalten, denn sie können schneller laufen und verschwinden als man glaubt. An Ostern 2009, einem 26 °C warmen und sonnigem Nachmittag schaffte meine Steppenschildkröte auf einem ebenen Plattenweg im Garten mühelos 8,40 m in einer Minute und wäre munter weitermarschiert, wenn ich sie gelassen hätte. In 60 Minuten wären das immerhin ein halber Kilometer. Aber schon nach fünf Minuten in freiem Gelände müßte ich eine Fläche von 250 Quadratmeter absuchen, um sie wieder zu finden.Sie klettert auch gerne Anhöhen hinauf und rutscht dann auf der anderen Seite wieder hinunter. Hinzu kommt, dass Schildkröten bestens getarnt sind. Also Freilauf niemals ohne ständige Aufsicht!
Hannibal klettert einen Erdwall hinauf.

Nachlesen kann man dies alles in einem der besten und aktuellsten Bücher, das auf dem Markt ist: „Die natürliche Haltung und Zucht der griechischen Landschildkröten“ von Wolfgang Wegehaupt, das er im Eigenverlag herausgab. Ratschläge von ihm zur Schildkrötenhaltung gibt er auch im Internet unter www.testudo-farm.de.



Und was scheidet die Schildkröte aus?


Frischer Kot einer Landschildkröte
Die grüne Farbe zeigt, dass er fast rein von Pflanzen stammt. Der weiße Punkt ist Harnsäure, also "eingedickter Urin".

Alter, platt getretener und ausgebleichter Kot. Die Pflanzenreste sind deutlich zu erkennen.


Frischer Kot, ausgewaschen

Im gewaschenen und gereinigten Kot sind Pflanzenreste zu erkennen, darunter links neben dem Halmstück zwei eckige Samen der roten Johannisbeere und rechts einige runde Samen der Stachelbeere. Landschildkröten verbreiten so ihre Nahrungspflanzen, denn die Samen bleiben keimfähig und keimen nach Darmpassage oft sogar besser und erhalten zum Start auch noch vollbiologischen Dünger. Fotografiert mit grünem Karton als Hintergrund.


Der Harn besteht aus zwei Komponenten, aus dem wässrigen farblosen und einem wasserunlöslichen, weißen sämigen Teil, der Harnsäure. Wenn bei falscher, zu eiweißreicher Ernährung zuviel Harnsäure anfällt, wird diese im Körper abgelagert und führt zur sehr schmerzhaften Gicht und schließlich zum Tod.


Braucht man schnell eine gute sachkundige Auskunft über Schildkröten, insbesondere zum Thema der Ernährung, kann man sich auch an die Untere Naturschutzbehörde seines Landratsamtes oder der Stadt wenden. Hier wird man kompetent, umfassend und gerne informiert.

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